Incommunicado
ein Roman von Michel Reimon
Michel Reimon, Landtagsabgeordneter für die burgenländischen Grünen, Blogger und Journalist hat am 1. Februar 2012 seinen 581-Seiten Roman Inocommunicado als DRM-freies Ebook gratis unter einer Creative-Commons-Lizenz CC-BY-SA-NC 3.0 Lizenz auf seinem Blog veröffentlicht.
Warum er diesen Weg der Veröffentlichung wählte beschreibt Michel Reimon in seinem Blog.
Der Roman selbst erzählt aus der Ich-Perspektive eines Musikjournalisten eine Roadmovie / Rockband / Politaktivisten / Krimi / Liebesgeschichte welche immer wieder von Wikipedia-mäßigen Erläuterungen und Exkursen unterbrochen wird.
Inhalt
vorsicht, Spoiler! Diesen Absatz ggf. nicht lesen.
Der Ich-Erzähler lernt auf seinem Italienurlaub, in welchem er ein Buch schreiben wollte, eine Punk-Band mit schöner Sängerin -Anna- kennen in die er sich verliebt. Als er kurz darauf das Angebot erhält als Ersatz-Gitarrist bei der Band mitzumachen nimmt er spontan an und tauscht das Leben eines erfolgreichen Musikjournalisten gegen ei finanziel und erotisch eher matt dahindümelndes Musikerleben im Tourbus, vcn einem unbedeutenden provinziellen Punk-Konzert zum nächsten tingelnd.
Kurz davor fliegt er kurz beruflich nach London, triftt dort seinen überaus erfolgreichen Cousin Max welcher ihm seinen Plan erzählt das dahinsiechende Musikbusiness umzukrempeln: Durch massenhaften Ankauf und Lizensierung von derivate-works Rechten in Musikstücken, z.B. bestimmten Meldoien und Tonfolgen.
Im weitern Verlauf der Handlung entwickelt sich daraus ein Streit zwischen Max und dem Ich-Erzähler. Besonders exemplarisch und im weiteren Roman zum Symbol erhoben- wird der Versuch von Max und seinem Musikkonzern, die Punk-Band des Erzählers wegen der Verwendung einer Schweigeminute in einem Musikstück auf Unterlassung / Lizensgebühren zu klagen, da der Konzern die Rechte am „geistigen Eigentum“ dieser „Tonfolge“ besitzt.
Der Ich-Erzähler versucht im Internet einen Medienwirbel zu entfachen, was ihm erstaunlich lange nicht gelingt, schließlich aber zu mehr medialer Aufmerksamkeit führt, mehr Konzertbesuchern, kommerziellen Erfolg und nicht zuletzt zu einer zarten Annäherung an die Sängerin Anna.
Mit der beginnenden Politisierung der Band (ein und die selbe -voher ignorierte- Musik wird plötzlich von viel mehr Leuten gut gefunden seit bekann wird dass sich die Band mit einem Musikkonzern anleg)- arten die Konzerte immer mehr in politische Happenings und Demonstrationen aus. Zuerst von Bandmitgliedern, danach von Fans, werden öffentliche Plätze und Schilder mit „Das gehört mir“ Sprüchen besprüht, die Konzernmacht und mit ihr verbündete Staatsmacht wird herausgefordert, es gibt Verletzte und ein tödliches Finale in London.
Meinung
In Zeiten von Acta, SOPA und ähnlichen gesetzlich gedeckten Rückzugsgefechten der Content-Industrien tut es gut einen Roman von einem Autor zu lesen, der selbst aus der Politik kommt sowohl unterhaltsam als auch spannend über ein schwieriges Thema schreiben kann.
Die immer wieder eingestreuten Zitate und teils historischen (!) Exkurse (Hyperlinks fehlen schmerzlich) geben genug Hintergrundinformation um Lust darauf zu machen sich mit einem Thema näher auseinanderzusetzen, gleichzeitig sind sie nie länger als 1 oder 2 Absätze und stören den Erzählfluss der immer spanndender und auch düsterer werdenden Handlung nicht zu sehr.
Der Roman bleibt abstrakt genug und beisst sich nicht auf ein tagesaktuelles Thema (z.B. Acta) fest sondern zeigt sehr schön die hinter solchen Gesetzesvorhaben stehenden wirtschaftlichen Zusammenhänge, Überlegungen und Grundkonflikte. Vor allem die immer wieder eingestreuten gut nachvollziehbaren historischen Einstreuungen (Buchdruck, Geschäftsmodell Radio, Finanzierungsmodelle für klassische Musiker um 1700..) haben mir viel Spaß gemacht, bleiben aber in der Handlung verankert.
Gleichzeitig bleibt der Roman menschlich genug um Interesse zu wecken:
Man zittert vor dem nächsten teuflischen Geschäftsmodell von Max, man schmunzelt über die Versuche des schrulligen Bandmanagers Eugene, der den Ich-Erzähler dazu beschwatzen will einen historischen Roman übers Mittelalter zu schreiben, man kann die Eifersucht des Erzählers wegen Anna nachfühlen und man freut sich über die ersten Erfolge der Band und ihrer Fans.
Sehr schön zeigt der Autor auch die Mechanismen und psychologischen Wirkungen von polizeilichen Maßnahmen gegen politische Aktivisten, das „Festellen der Personalien“, das Durchsuchen in Arrestzellen und das Zusammenspiel von Massenmedien, Demonstrationen und Polizei.
Die meiner Meinung nach stärkste Szene des Romans spielt in einer französischen Polizeikaserne:
Die festgenommenen Bandmitglieder müssen sich ausziehen, ihre Handys und Sachen abgeben, nackt hinknien und warten. Ansonsten passiert nichts (ein Aktivist wird mit mit Pfefferspray besprüht), nach einigen Stunden sind alle Festgenommenen wieder frei, es wurde niemand verprügelt, es wurden keine Anzeigen erstattet, trotzdem haben alle beteiligten die Nase voll, schweigen gedemüdigt und verlassen das Land.
@horstjens die szene im gefängnis ist übrigens bewusst kopiert: hat sich 2001 tatsächlich so in genua ereignet.
Trivia
Klagenfurt wird im Roman konsequent mit der slowenischen Bezeichnung „Celovec“ tituliert.
Fazit
Ein sehr spannender und guter Roman von einem hochkarätigem Autor. Großes Lob verdient die Entscheidung, einen Roman über die Mechanismen der Urheberrechts-mafia nicht nur als „Leseprobe“ auf einer Verlagshomepage auszugsweise zu veröffentlichen sondern konsequent komplett unter einer Creative-Commons-Lizenz DRM-frei selbst zu publizieren.
Ich wünsche dem Autor auch einen kommerziellen Erfolg (ein Paypal bzw ein Flattr-Link im Vorwort wäre ein erster Schritt) und vermute dass Incommunicado über kurz oder lang seinen Weg in Papierform in die Buchhandlungen finden wird. Als Ideales Geschenk für digitale Analphabeten, „Internet-Ausdrucker“ und Ebook-Verweigerer.
Download
- Inocommunicado in verschiedenen Formaten (pdf, epub etc.)


