Spielend programmieren lernen

Programmierkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

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de:blog:2016:0502_toechtertag

Title: Wiener Töchtertag Date: 2016-05-02 16:30 Modified: 2016-05-06 09:00 Tags: event, gender, teaching, report, coding Slug: 20160502_töchtertag Authors: Horst JENS Googleadsense: True Summary: Erster Wiener Töchtertag bei spielend-programmieren

Kurzlink: http://goo.gl/Fy2a9J Hashtag: #spielendprogrammieren

Bericht vom ersten Wiener Töchtertag bei spielend-programmieren

Wiener Töchtertag 2016, Firma spielend-programmieren

Am Donnerstag, dem 28. April 2016 fand erstmals in den Büroräumen von spielend-programmieren ein Wiener Töchtertag statt.

Der Wiener Töchtertag wird vom Stadtschulrat Wien, der Magistratsabteilung MA57 (Frauenförderung) der Gemeinde Wien sowie der Wirtschaftskammer Wien und Wiener Betrieben gemeinsam organisiert.

Ziel des Wiener Töchtertags ist es (soweit ich das verstanden habe), Wiener Firmen die Möglichkeit zu geben den Töchtern der dort Beschäftigten -bzw. Schülerinnen generell- den Betrieb zu zeigen. Außerdem soll bei Wiener Schülerinnen das Interesse an technischen Berufen gefördert werden. Die Schülerinnen bekommen für den Betriebsbesuch schulfrei, sind versichert und müssen eine Teilnahmebestätigung unterschreiben lassen.

Aufgrund der hohen Anzahl an Voranmeldungen vereinbarte ich mit dem Töchtertagbüro 5 Kleingruppen zu je 2 Stunden. Tatsächlich war ich von 8:00 bis knapp 18:00 pausenlos im Einsatz.

Das Interesse der anwesenden Schülerinnen (zwischen 13 und 15 Jahre alt, verschiedenste Schultypen) galt (ich habe nachgefragt) “wie man das mit dem Programmieren macht, oder so”. Bis auf 3 Schülerinnen (die sich meinen Betrieb anscheinend rein nach dem Kritierium ausgesucht hatten ob sie zu dritt gemeinsam kommen durften) äußerten alle anwesenden Schülerinnen ein Interesse an Computern “oder so” und teilweise konkret am Thema Spieleprogrammierung. “Oder so” fehlte in keiner einzigen Wortmeldung und wird auch gerne öfter im selben Satz verwendet.

Auf mein Angebot, bei unfreiwilligem Hiersein die Teilnahmebestätigung zu nehmen und gleich wieder zu gehen ging keine einzige der Besucherinnen ein, weshalb ich auf ein ehrliches Interesse rückschließe.

why girls don't code in my classroom

Wiener Töchtertag 2016, Firma spielend-programmieren

Wie schon bei meinem Lightning-Talk bei der Women Techmakers Vienna Konferenz 2016 beschäftigt mich beim Thema “Gender” eine Frage aus ganz praktischen Gründen sehr: Warum sind über 80% der Teilnehmer für meine Programmierkurse für Jugendliche männlich? Bei Kursen während der Schulzeit (2 Stunden pro Woche) habe ich derzeit einen Frauenanteil von 0%, bei Intensiv-Kursen während der Schulferien (5 Tage x 3 Stunden) schwankt der Frauenanteil, übersteigt aber nie 50%.

Ich habe zu diesem Thema einige eigene Beobachtungen gemacht und Theorien entwickelt, aber mangels Gelegenheit nie wirklich mit der nicht-in-meine-Programmierkurse-kommende Möchtegern-Zielgruppe geredet: Schülerinnen.

Ich nutzte die erste Stunde mit jeder Töchtertag-Gruppe dazu, den Schülerinnen genau diese Frage zu stellen: “Warum glaubt ihr kommen fast nur Burschen in meine Programmierkurse?”. Die Antworten der Besucherinnen waren durchaus unterschiedlich und interessant. Nicht alle Anwesenden waren gleich sprachgewandt und dikussionserfahren, aber alle hatten etwas zu sagen. Ungefragt impliziert wurde von den Töchtertag-Mädchen ein starker Zusammenhang zwischen Interesse an Computerspielen (“zocken”) und (späterem) Interesse an Programmieren / IT-Berufen bei Burschen.

Antworten

Folgende Antworten wurden immer wieder vorgebracht:

  • Computerspiele werden von der (Games) Industrie auf ein männliches Publikum zugeschnitten und sind für Mädchen generll unattraktiv (Ego-Shooter, kaum Story-Elemente).
  • Mädchen welche sich für (typisch männliche) Computerspiele interessieren gelten als “ungewöhnlich” und sind in Ihrer Klasse mit diesem Hobby (als Mädchen) alleine.
  • Computerspiele welche speziell für Mädchen vermarktet werden sind oft langweilig (rosa Puzzlespiele). Positiv erwähnt wurden Farm/Aufzucht-Simulatoren wie Hay Day
  • Zeiteinteilung: Mädchen im Alter 13-15 interessieren sich für “zusammen sein und tratschen” und verbringen Zeit mit “lernen”, Burschen interessieren sich für “Zocken oder Sport” (und sind in der Schule schlechter als Mädchen).
  • Die Gesellschaft (NICHT die eigenen Eltern) vermittelt den Mädchen, Computer seien etwas für Männer. Wer die Gesellschaft konkret war konnte nicht genau benannt werden. Möglicherweise fehlende Role-Models?
  • Computerspiele speziell mit Mädchenthemen (Schmink-Simulator) sind langweiliger als das echte Leben (schminken).
  • Allgemeine Erziehungsmodelle: Mädchen bekommen von klein auf Puppen, nicht Technik-Spielsachen.
  • Höhere gesellschaftliche Anforderungen (eine Antwort): Bei älteren Mädchen werde (von der Gesellschaft?) sehr viel Wert auf gutes Aussehen (Model-Maße) gelegt, zusammen mit Hobbys (Sport) bleibe da nicht viel Zeit sich mit Computern zu befassen. Burschen demgegenüber dürfen aussehen wie sie wollen und haben daher mehr Zeit (es folgte eine angeregte Diskussion über Burschen die Wert auf ihr Aussehen legen und wo man sie findet).

Hinweis: Ich habe die Diskussionrunden per Mikrophon aufgezeichnet, komme realistischerweise aber nicht zum schneiden/veröffentlichen. Wer zu diesem Thema forscht und die Rohdaten brauchen kann soll mich bitte kontaktieren.

Pocket Code

Im Anschluß an die Gesprächsrunde mit Themen wie Jobperspektiven als Spieleentwickler veranstaltete ich mit den meisten Töchtertag-gruppen einen Crashkurs zum Thema Android-App-Programmierung:

Die beiden Android-Apps Pocket Code und Pocket Paint waren schnell auf den Smartphones der Besucherinnen installiert. Danach gelang es meist innerhalb von 40 Minuten eine kleines Geschicklichkeits-Spiel zu “programmieren”, in welchem eine Spielfigur (Porträt-Foto einer Schülerin) auf einer Spielfläche (Foto einer Tischplatte) durch Schwenken und Neigen des Smartphones balanciert werden muss, ähnlich wie bei einer Wasserwaage. Das Programmieren selbst bei PocketCode funktioniert ähnlich wie bei Scratch durch auswählen und “zusammenwischen” vorgefertigter Code-Bausteine.

Die selbst programmierte App hat den Töchtertag-Besucherinnen erkennbar Spaß gemacht, vor allem einer Gruppe bei der die Spielfigur mit selbst-aufgenommenen Quiek-Tönen ausgestattet wurde. Besonders imponiert hat mir eine 13-jährige Besucherin welche sich nach circa 10 Minuten den noch fehlenden Programmcode “im Kopf” nicht nur vorstellen, sondern diesen auch korrekt vorhersagen konnte. Nicht schlecht für jemanden der zum ersten Mal programmiert, noch dazu auf einer App welche die Code-Struktur (Schleifen, Verzweigungen) visuell deutlich weniger ansprechend darstellt als Scratch oder Python-Quellcode.

Insgesamt kann ich Pocket Code für Supplierstunden, Probestunden oder Kurzzeinführung ins Programmieren für Jung und Alt sehr empfehlen. Pocket Code ist derzeit leider noch nicht für Iphones verfügbar, und läuft nicht native auf dem PC. Auf der Pocket Code Homepage gibt es neben einer Sammlung von Lernmaterialien auch eine Anleitung wie man mit Hilfe eines speziellen Smartphone-HDMI-Kabels PocketCode auf einem Beamer herzeigen kann.

echtes Programmieren

Wiener Töchtertag 2016, Firma spielend-programmieren

Die verbliebene letzte Stunde des 2-Stunden-Blocks verbrachte ich bei allen Töchtertag-Besucherinnen damit, “echtes” Programmieren mit Hilfe der Programmiersprache Python zu demonstrieren. Der Fokus lag dabei mehr auf “selber machen” und weniger auf “erklären”. Dank meiner langjährigen Erfahrung mit Programmierunterricht-Probestunden konnte ich jeder Gruppe eine etwas andere Demonstration bieten. Gut angekommen sind geometrische Muster mit Hilfe von Turtle-Grafik, Quiz-Games mit Hilfe von Easygui sowie der Evergreen textbasiertes Orakel mit Hilfe des Random-Moduls.

Wiener Töchtertag 2016, Firma spielend-programmieren

Einer Töchtertag-Gruppe, welche sich speziell für Manga's interessierte wollte ich die visual story engine RenPy vorführen, musste aber in letzter Minute umdisponieren: Ich hatte Renpy war auf meinen neuen Laptops nicht korrekt installiert. Stattdessen erstellten die Schülerinnen ein kleines text-basiertes Adventure-Game, inklusive Erkennung korrekter Texteingaben. Die von den Schülerinnen erstellten Geschichten waren eine interessante Abwechslung zum genretypischen Ritter-kämpft-gegen-Drachen-Einerlei: z.B. Dienerinnen vor der schwierigen Entscheidung sich morgens erst anzuziehen oder erst zu Frühstücken, Suizid-gefährdete Internatsschüler mit Bezihungsproblemen etc.

Der Zusammenhang zwischen Interesse an japanischer Manga-Kultur, Comic-Zeichnen und Interesse am (Computerspiele-)Programmieren bei Mädchen ist mir schon öfter aufgefallen. Theorie oder Geschäftsidee dazu habe ich leider keine. Sinnvoll wäre es womöglich, Werbung für Mint (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.)-Berufe/Schulzweige in Manga-Form bereitzustellen.

Wiener Töchtertag 2016, Firma spielend-programmieren

Geschenktüte

Jede Besucherin bekam nach den 2 Stunden ein vom Töchterbüro organisiertes Geschenksackerl mit allerlei Informationsmaterial. Trotz intensiver Suche seitens der Besucherinnen enthielt die Geschenktüte keinerlei Süßigkeiten oder Knabberzeug, dafür aber einen USB-Akku-Charger zum Aufladen von Smartphones. Der Charger kam bei den Besucherinnen erkennbar gut an, das Informationsmaterial (inkl. meiner Visitenkarte) bekam fast, aber nicht ganz so viel Wertschätzung wie das Stoffsackerl in welchem es sich befand.

Wiener Töchtertag 2016, Firma spielend-programmieren


töchtertag-charger

Arbeitsplätze

Es gab keine einzige Anfrage bezüglich Ferialpraxis in den Ferien. Es gab Interesse, aber keine konkrete Anfrage nach Programmierkursen in den Ferien (was eine Voraussetzung für eine Ferialpraxisstelle als Helferin gewesen wäre). Es gab eine einzige Anfrage betreffend “berufspraktischer Tage”. Soweit ich das Konzept verstanden habe bekommen SchülerInnen dabei für einige Tage schulfrei um in einen Betrieb unbezahlt hineinschnuppern zu dürfen. Für mich als Selbstständiger ist das Konzept eher unpraktisch, da ich entweder unterrichte (und nicht vorhabe jemanden 4 Tage lang unbezahlt mitschauen zu lassen) oder organisiere/programmiere, was eher einsame Tätigkeiten sind bei denen mir ungelernte Kräfte kaum sinnvoll helfen können.

Vorbereitung und Einteilung

Ich habe derzeit 6 “starke” Laptops und mehrere schwächere Netbooks, eine Gruppengröße von circa 6 Töchtertag-Besucherinnen gleichzeitig war ideal. Geärgert haben mich kleinere Gruppengrößen: Wenn ich schon den ganzen Tag unbezahlt unterrichte möchte ich soviel “Impact” (potentielle Kundinnen) wie möglich und nicht meine Zeit mit “nur” zwei oder drei Besucherinnen “vertrödeln”.

Nicht mehr akzeptieren werde ich Besucherinnen die überhaupt keine Ahnung haben warum sie hier sind, außerdem muss ich Vorfeld eine Einverständniserklärung zur Verwendung von Fotos/Medien verlangen. Die mit dem Töchtertagbüro ausgemachte Regelung “Wer sich nicht fotografieren lassen will, soll das im Vorfeld sagen” erwies sich als unpraktikabel. Speziell wenn ich mit den Besucherinnen Apps programmiere wo ihre eigenen Gesichter als Spielfiguren verwendet werden und ich davon dann keine Fotos machen darf: Für mich als Einzelunternehmer sind Verwertungen des Töchtertags für Public-Relation-Zwecke die einzige konkrete Entlohnung, alles andere (Kontakt zu potentiellen zukünftigen Mitarbeitern oder Kunden) sind Schall und Rauch.

Die Mischung aus Diskutieren - App's Programmieren - Computer programmieren in einem 2 Stunden Block kam -glaube ich- ganz gut an und ich werde sie auch beim nächsten Mal beibehalten.

Fazit

Der Töchtertag war für mich lange und anstrengend, aber Dank der vielen aufgeweckten Besucherinnen interessant und sehr unterhaltsam. Inwieweit ich bei den “Töchtern” Berufsentscheidungen in Richtung IT/Programmieren beeinflusst habe bzw. Interessen dafür geweckt habe ist schwer zu beurteilen. Mache gerne wieder 2017 beim nächsten Töchtertag mit.

Fotoalbum, Podcast

Töchtertag Wien 2016


Fotoalbum: Töchtertag 2016. Lizenz: cc-by-sa

Hinweis: Ich erzähle im Biertaucherpodcast 254 über den Töchtertag.

/var/www/horst/spielend-programmieren.at/data/pages/de/blog/2016/0502_toechtertag.txt · Last modified: 2017/10/12 09:40 (external edit)