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de:blog:2015:0614_kirchentag

Title: Bericht: evangelischer Kirchentag 2015 Date: 2015-06-14 12:00 Modified: 2015-07-01 09:00 Googleadsense: True Tags: event, report, politik Slug: 20150614_kirchentag Authors: Horst JENS Summary: Bericht vom evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart und Aufruf an die FSFE, am nächsten Kirchentag 2017 in Berlin einen Infotisch zu organisieren.

Kurzlink: http://goo.gl/B1gpzA Hashtag: #ekt15 #kirchentag2015 # Evangelischer Kirchentag 2015 in Stuttgart

Aufgrund eines Verwandtschaftstreffens verbrachte ich mehrere Tage in Stuttgart und besuchte bei dieser Gelegenheit den dort stattfindenden Evangelischen Kirchentag. Da ich wesentlich mehr an Gesellschaftspolitik und freier Software interessiert bin als an Religion konzentriert sich dieser Bericht vor allem auf “das Drumherum”. Hauptächlich geht es um meine Leidenschaft bei Veranstaltungen aller Art, dem Besuchen von Infotischen.


Kirchentag

Evangelischer Kirchentag 2015, Stuttgart Schlossplatz. Bildrechte: Horst JENS, cc-by-sa

Kulturschock

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Religionsverteiling in Österreich

Bildquelle: Wikipedia

Als evangelischer (A.B.) Österreicher bin ich es gewohnt einer Minderheit anzugehören. Wie aus nebenstehender Wikipedia-Grafik ersichtlich ist, gibt es in Österreich (knapp 8.5 Millionen Einwohner) sogar mehr Muslime oder orthodoxe Christen (je ca. 6%) als Protestanten (nicht ganz 4%), welche sich wiederum in mehrere evangelische Kirchen aufspalten. In Österreich stellen Katholiken mit über 60% Bevölkerungsanteil die Mehrheitsreligion dar, wodurch sie kulturell prägend sind. Im Gegensatz dazu ist in Deutschland der Anteil von Protestanten und Katholiken annähernd gleich groß.

Gleich bei der Begrüßungsveranstaltung am Mittwoch Abend hatte ich daher ein sehr ungewohntes Gefühl, geradezu einen Kulturschock: “Wir sind viele”: Der Kirchentag hatte 97.000 Besucher.

Tagungsprogramm

Große Teile der Innenstadt, Kirchen (und Moscheen) sowie ein komplettes Messegelände inkl. Stadion und Großbühnen waren Veranstaltungsorte des Kirchentages, der von Mittwoch Abend bis Sonntag früh dauerte. In einem ausgedruckten, Taschenbuch-ähnlichen Tagungsprogramm waren alle Veranstaltungsorte und Programmpunkte aufgelistet.

Die Fußgängerzonen Stuttgarts (Königsstraße, Schlossplatz) sowie mehrere autobefreite Straßen waren gesäumt von Bühnen, Videowänden, Chorgruppen, Besuchermassen und kleinen Zelten. Am Mittwoch Abend durfte anscheinend jede noch so kleine schwäbische Kirchengemeinde in der Fußgängerzone ein eigenes Zelt aufstellen und regionale Speisen (aber keinen Alkohol) verkaufen, um für die eigene Kirche Geld zu sammeln.

In der Martin-Schleyer Halle gab es Vorträge und Gottesdienste mit einer prominenten Rednerliste, unter anderem sprachen Margot Käßmann, Kofi Annan, Melinda Gates, sowie deutsche Politiker.

Den einzigen “Promi”, den ich mir direkt anhörte, war Umweltaktivist Franz Alt der anlässlich einer Stuttgart 21 Demonstration über die österreichische Anti-AKW Bewegung sprach und treffend bemerkte dass vom Aneinanderreihen prominenter Politiker noch niemand klug geworden sei.


Kirchentag 2015 Logo. Bildrechte: evangelischer Kirchentag 2015

Markt der Möglichkeiten

Mehr als Vorträge interessierte mich der “Markt der Möglichkeiten”, der auf einem umgrenzten Messegelände in mehreren Großzelten statt fand. Jedes Zelt war mit Dutzenden Infotischen gefüllt. Dazwischen gab es kleinere Zelte mit ständig stattfindenden Diskussionsrunden und Mini-Vorträgen. Leider war es sehr heiß und schwül, weshalb ich den Nachmittag erschöpft im Schatten unter einem Baum verbrachte, Kirchenlimonade trinkend anstatt mit Standpersonal plaudernd.

Freies W-Lan für Besucher gab es (außerhalb des Pressezentrums für Journalisten) leider keines , ebensowenig konnte ich einen Tisch mit Steckdosen finden, um in Ruhe zu bloggen. Schlussendlich fand ich Asys im Stuttgarter Hackerspace, dem Shack, der leider nicht am Kirchentagsgelände lag.

Am Markt der Möglichkeiten präsentierten sich Gruppierungen mit gesellschaftspolitischen Anliegen: z.B. alle deutschen Groß- und Kleinparteien, außerdem jede Menge Firmen und Organisationen die im kirchlichen Umfeld zu tun haben: Verlage, Vermögensverwalter für Kirchen, evangelische Gemeinden im Ausland, Entwicklungshilfeprojekte, kirchliche Ausbildungsstätten etc.

Überrascht hat mich die Offenheit der Veranstalter gegenüber anderen Glaubensrichtungen: so hatten nicht nur zahlreiche evangelische bzw. evangelikale Splittergruppen und Freikirchen ihren eigenen Infotisch, sondern auch andere Glaubensrichtungen wie z.B. Muslime (deutsche Gesellschaft für Palästina), Juden (mehrere deutsch-israelische Gesellschaften) und natürlich katholische Organisationen.

Wirklich erstaunt war ich über einen Infotisch der Legio Mariae, einer katholische Laienbewegung (in Österreich bekannt in Zusammenhang mit Kardinal Groër). Gefreut habe ich mich über den wesentlich größeren Infostand vom "Wir-sind-Kirche" - Volksbegehren, welches von Österreich ausgehend mittlerweile international tätig ist.

alles grün


solux e.v. solarzellen

Solux.e.v Infostand am Kirchentag 2015. Bildrechte: Horst JENS, cc-by-sa

Das Spektrum der gesellschaftspolitischen Gruppierungen war sehr breit: Von der Bewegung zur Gleichstellung der Homo-Ehe, über zahlreiche Recycling / Entwicklungshilfe-Initiativen bis zur Polizei- bzw. Bundeswehrseelsorge. Das deutsche Nachrichtenmagazin der Spiegel (Ausgabe 24, vom 6.6.2015) fragt sich bereits, ob die grüne Partei den Kirchentag unterwandert oder ob die evangelischen Christen die grüne Partei übernehmen. Meinem Gefühl nach gehörten Themen wie Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Alternativenergie bereits zum Mainstream und waren prominent vertreten. Themen wie “Barrierefreiheit”, “Diversity”, “Inklusion von Menschen mit Behinderungen” und Anerkennung von Minderheiten innerhalb der evangelischen Kirche (Homosexualität etc.) sind gerade dabei, mehrheitsfähig zu werden - bei eher säkularen Christen schneller als bei bibeltreuen bzw. evangelikalen Gruppierungen.


zwischenraum.net

Zwischenraum.net Infostand am Kirchentag 2015. Bildrechte: Horst JENS, cc-by-sa

Gesellschaftspolitisch gerade trendige Themen wie Share Economy und Soziale Unternehmen waren auch präsent und konnten zum Teil an vorhandene kirchliche Traditionen und Werte anknüpfen.

Eher un-grün war ein Stand von Gewerkschaftlern konventioneller Energieerzeuger (Kohle, Atom etc.), welche im Wesentlichen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze warben… durch Verteilen von Fächern mit aufgedruckten Windrädern.

freie Software?

Mir fiel auf, dass die Free Software Foundation Europe (FSFE) nicht am “Markt der Möglichkeiten” vertreten war, obwohl sie dort sehr gut hingepasst hätte. Was ich fand, war ein Infostand einer Datenschutz-Initiative (Digital courage) sowie ein Infostand von Luki.org - Linux User im Bereich der Kirche.


Luki.org Logo

Luki.org Logo. Bildrechte: Horst JENS, cc-by-sa

Diese beiden Infostände waren die computer-affinsten, und ich nutzte die Gelegenheit mich über Standmieten und Erfahrungen mit Kirchentagspublikum schlau zu machen. Anscheinend kostete ein ca. 15 m² großer Messestand für 3 Tage 380,- € ohne Strom. Mit den Kirchentagsbesuchern waren die Standmitarbeiter zufrieden: Beim Datenschutzstand wurde mir berichtet, dass das Publikum zwar nicht sehr technik-affin ist, aber durchaus politisch informiert und vor allem sehr willig z.B. Petitionen zu unterschreiben und sich (politisch) zu engagieren. Anscheinend sind Kirchentagsbesucher (zumindest am Markt der Möglichkeiten) generell nicht nur innerhalb der Kirchengemeinde sondern allgemein politisch engagiert. Positiv erwähnt wurde auch die prominente Besetzung der politischen Infotische, z.B. jener der bundesdeutschen Parteien. Dies vereinfachte Aktivisten der Zivilgesellschaft Aktionen wie direkte Diskussionen mit Ageordneten, publikumswirksame Übergabe von Petitionen und Verabschiedung von Kirchentags-Resolutionen.

Die kirchlichen Linux-user berichteten mir von Problemen welche ich vom Bereich “Linux in Schulen” sehr gut kannte: Technisch inkompetente Entscheidungsträger welche sich von Beratern proprietäre IT-Lösungen aufschwatzen lassen, genervte Microsoft Office-Nutzer welche nach einer “Zwangsbekehrung” zu freier Software ihre Icons nicht mehr am gewohnten Platz finden u.s.w.

Da die evangelischen Kirchen prinzipiell demokratischer organisiert sind als z.B. die katholische Kirche (Pfarrerwahl durch Kirchengemeinderat etc.) sehe ich langfristig eine gute Chance zur Durchdringung von (kirchlichen) Organisationen mit freier Software sofern genug Druck “von unten” erzeugt wird. Es bleibt auf jeden Fall ein großes Betätigungsfeld für freie-Software Aktivisten.

Ich freue mich auf jeden Fall auf den nächsten Kirchentag 2017 in Berlin und werde nach Möglichkeit beim FSFE-Infostand mithelfen. Aufklärung- und Überzeugungsarbeit über freie Software und freie Lizenzen ist im kirchlichen Umfeld dringend notwendig. Z.B. sah ich nirgends ein Plakat oder Information über creative-commons Lizenzen. Dagegen gab es direkt vor dem Markt der Möglichkeiten einen Stand eines Anbieters von Lizenzen für Kirchenmusik:


ccli lizenzargentur

Einer der vielen Gründe warum die FSFE am Kirchentag Aufklärungsarbeit leisten sollte. Bildrechte: Horst JENS, cc-by-sa

Katholiken-Bashing

Ein Vertreter von Greenpeace war mit seinem Messestand unzufrieden, da er nicht direkt im Markt der Möglichkeiten lag sondern in einem etwas abseits gelegenem Zeltbereich, durch eine Straße getrennt. Er erzählte mir, dass Greenpeace nicht am Katholikentag ausstellt, weil dort das Publikum weniger interaktionsfreudig sei (unterschreib- und spendenwillig?). Dieses Katholiken-Bashing wurde mir auch von einigen anderen nicht-kirchlichen Organisationen bestätigt.

Warum das so ist wurde mir nicht erklärt. Meine Privattheorie ist die dass sich gesellschaftspolitisches Engagement gleichmäßig über alle Glaubenrichtungen verteilt. Was ich vermute: gesellschaftspolitisch interessierte, (eher säkuläre) Katholiken haben ein schlechteres Verhältnis zu “ihrer” Kirche als gesellschaftspolitisch interessierte Protestanten. Ein Katholikentag zieht deshalb vielleicht eher ein Publikum an welches sich in erster Linie für die religiösen Aspekte interessiert, während ein evangelischer Kirchentag sowohl für politisch als auch für religiös interessierte Besucher gleich anziehend ist.

Überprüfen lässt sich dies vielleicht 2018, wenn Katholiken und Protestanten ein gemeinsames Treffen veranstalten werden.

Podcast

Eine Kurzfassung meiner Erlebnisse am Kirchentag gibt es hier zu hören.

/var/www/horst/spielend-programmieren.at/data/pages/de/blog/2015/0614_kirchentag.txt · Last modified: 2017/10/12 09:40 (external edit)